„Nach und nach haben wir ihr Vertrauen gewonnen“
Im Kontakt mit den Klinikclowns entsteht bei 102-Jähriger Berührbarkeit

„Motte“ lässt Fingerpuppen sprechen: Stimmungen und Haltungen werden deutlicher und spielerisch entsteht Kontakt.
Greven. Anfangs, als Clownin „Motte“ und Getrud S. sich während einer Clownsvisite im Pflegewohnstift kennenlernten, war diese sehr unglücklich im Pflegewohnstift. „Sie wirkte gezeichnet von dem, was ihr langes Leben ihr geboten und abverlangt hat“, berichtet „Motte“. Über die gewachsene Beziehung zu der 102-jährigen Dame, die an diesem Tag wie so oft ihre Nichte Rita bei sich hat, sagt sie: „Mittlerweile sind wir Verbündete und Vertraute, ein richtig gutes Team, und ihre Augen leuchten, wenn wir sie in ihrem Zimmer besuchen.“
An ihrem 100. Geburtstag bekam Gertrud S. auch Besuch von den Klinikclowns, mit Gratulationsliedern und aus dem Koffer gezauberten Herzen. Sie war überglücklich und betonte später, dass der Besuch der Klinikclowns ihr wichtiger gewesen sei als der Besuch des Bürgermeisters an ihrem Ehrentag. Das Eis war gebrochen.
„Sie wirkt belesen, erfahren und gebildet und ist viel gereist im Leben, u.a. mit einer Freundin im Käfer durch Europa. Sie war immer engagiert und kann über den eigenen Tellerrand schauen“, erzählt „Motte“. Deshalb habe sie auch zu vielem etwas zu sagen und tue dies gerne kund, wenn ihr spontan etwas auffalle, über das sie diskutieren möchte.
„Anfangs hat Frau S. eher monologisiert und viel von der Ungerechtigkeit der Welt erzählt“, erinnert sich die Clownin. Als Krankenschwester pflegte Gertrud S. Verwundete im Krieg und hat aus der Zeit selbst eine sichtbare Kriegsverletzung am Arm behalten. Die Klinikclowns besuchen sie schon seit Jahren und haben mit der Zeit ihr Vertrauen gewonnen: Eine anfangs hart wirkendende Frau kann mittlerweile ihre berührbare Seite zeigen. „Sie hat uns erlaubt, sie Trude zu nennen, wie ihre Mutter früher“, berichtet „Motte“, „wie eine Blume hat sie sich im Laufe der Zeit geöffnet. Sie zeigt Humor und macht jeden Spaß mit.“
An diesem Tag hat „Motte“ für Trude jemanden mitgebracht: Auf ihrem Finger sitzt ein schwarzer Rabe als Fingerpuppe. Die Clownin gibt der Fingerpuppe eine Vogelstimme: Der Rabe fragt sich besorgt, was denn werden soll; „Motte“ lässt ihn übertrieben grübeln. Getrud S. schaut den Raben mit großen Augen an und nimmt das Gespräch auf. „Es ist sehr besonders zu sehen, wie Frau S. immer noch das Leben reflektiert. Sie macht sich Sorgen um die Welt, hat Fragen an die Welt, nimmt nach wie vor am Leben teil“, sagt die Clownin.
Plötzlich verschwindet der schwarze Rabe in „Mottes“ bunter Tasche und eine Verwandlung findet statt: Eine bunte Papageienfingerpuppe sitzt nun auf ihrem Finger und freut sich des Lebens. Und dann ist da der Gedanke, dass sie doch alle, „Motte“, Rita und Trude, auch verrückte bunte Vögel sind, die in aller Vielfalt und Verschiedenheit regelmäßig zusammenkommen, ein wenig das Leben gemeinsam feiern und alles andere einmal vergessen wollen. „Motte“: „Solche kleinen magischen Momente erleben wir immer wieder, kleine Momente der Verzauberung. Anfänglich Schweres verwandelt sich spielerisch in Federleichtes, Buntes. Leichtes und Freudvolles steht plötzlich im Raum und alle sind für den Augenblick beschwingt. Wir sind in einem guten Kontakt miteinander und genießen das gemeinsame Spiel.“


